Jan Rademeister
| veröffentlicht am: 27.06.26 (aktualisiert: 27.06.26)
geprüft von Thoralf Müller | 4 Min. Lesezeit

Punktgleichheit bei der WM 2026: Die neue Regel und was sie verändert

Punktgleichheit bei der WM 2026: Die neue Regel und was sie verändert

Die WM 2026 bringt eine Regeländerung mit, die mitten in den Kampf um die K.-o.-Runde eingreift – und sie hat schon jetzt Teams das Turnier gekostet. Wenn zwei oder mehr Mannschaften am Ende der Gruppenphase punktgleich sind, entscheidet nicht mehr zuerst die Tordifferenz, sondern der direkte Vergleich. Das klingt nach einem Detail, ist aber ein echter Systemwechsel mit weitreichenden Folgen. Dieser Artikel erklärt die neue Regel, ihre genaue Reihenfolge und warum sie als gerechter gilt.

Was sich geändert hat: direkter Vergleich vor Tordifferenz

Bei früheren Weltmeisterschaften – zuletzt 2022 in Katar – galt die simple Faustregel: Erst die Punkte, dann die Tordifferenz über alle Gruppenspiele. Wer also am letzten Spieltag noch ein, zwei Tore mehr schoss, konnte einen punktgleichen Konkurrenten überholen, selbst wenn er das direkte Duell gegen ihn verloren hatte.

Genau das ist bei der WM 2026 nicht mehr möglich. Sind zwei oder mehr Teams punktgleich, schaut die FIFA zuerst ausschließlich auf die direkten Begegnungen dieser Mannschaften untereinander. Erst wenn das keine Entscheidung bringt, kommen die Gesamtwerte der Gruppe ins Spiel. Die FIFA folgt damit dem Vorbild aus Europa: UEFA, Champions League und Europameisterschaft handhaben es längst so.

Ein häufiger Irrtum

Hier lohnt sich ein genauer Blick, weil sogar viele Berichte es verkürzt darstellen: Auch bei nur zwei punktgleichen Teams entscheidet nicht sofort die Gesamt-Tordifferenz. Zuerst zählt das Ergebnis des direkten Duells – und nur wenn dieses Spiel unentschieden endete und damit keinen Sieger kennt, rückt man weiter in der Kriterienleiter nach unten. Wer also den direkten Konkurrenten geschlagen hat, steht vor ihm. Punkt. Die Tordifferenz aus dem gesamten Turnierverlauf wird in diesem Fall gar nicht erst gebraucht.

Die Kriterien in der richtigen Reihenfolge

Sind zwei oder mehr Teams einer Gruppe punktgleich, gilt diese Reihenfolge:

  1. Punkte aus den direkten Begegnungen der punktgleichen Teams
  2. Tordifferenz aus den direkten Begegnungen der punktgleichen Teams
  3. Mehr erzielte Tore aus den direkten Begegnungen der punktgleichen Teams
  4. (Bei drei oder vier punktgleichen Teams:) Bleiben danach noch Mannschaften gleichauf, werden die Kriterien 1–3 erneut angewandt – aber nur noch auf die Direktbegegnungen der verbliebenen Teams
  5. Tordifferenz aus allen Gruppenspielen
  6. Mehr erzielte Tore aus allen Gruppenspielen
  7. Fairplay-Wertung (siehe unten)
  8. Aktuelle FIFA-Weltrangliste

Die ersten vier Schritte betreffen also nur die Spiele der punktgleichen Teams untereinander; erst ab Schritt fünf zählt wieder die gesamte Gruppentabelle.

Drei punktgleiche Teams: die Mini-Tabelle

Wird es zwischen drei (oder gar vier) Mannschaften eng, erstellt die FIFA eine gesonderte Mini-Tabelle, in die ausschließlich die direkten Duelle dieser Teams einfließen. Sobald ein Team durch diese Tabelle abgetrennt ist, werden die verbliebenen Mannschaften von oben neu bewertet – notfalls wieder im direkten Zweiervergleich. Erst wenn auch das keine Klarheit bringt, greifen die Gesamtwerte der Gruppe.

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Die Fairplay-Wertung: Disziplin als Kriterium

Bleibt selbst dann alles gleich, entscheidet die Fairplay-Wertung – und die ist kein theoretisches Konstrukt. Jede Karte zählt Minuspunkte: eine Gelbe Karte einen Punkt, eine Gelb-Rote drei Punkte, eine Rote Karte vier Punkte, Gelb plus glatt Rot in einem Spiel fünf Punkte. Auch Karten gegen Einwechselspieler und Teamoffizielle zählen. Wer weniger Strafpunkte gesammelt hat, steht vorne.

Dass das kein Hirngespinst ist, zeigt die Vergangenheit: Bei der WM 2018 zog Japan ausgerechnet über diese Wertung an Senegal vorbei – beide waren bei Punkten, Tordifferenz, Toren und direktem Vergleich gleich, doch Japan hatte schlicht weniger Karten kassiert. Disziplin hat also einen sportlichen Preis.

Eine wichtige Ausnahme: die besten Gruppendritten

Bei der WM 2026 ziehen erstmals auch die acht besten der zwölf Gruppendritten in die Runde der letzten 32 ein. Für deren Rangfolge gilt der direkte Vergleich aber nicht – aus einem einfachen Grund: Diese Teams stammen aus verschiedenen Gruppen und haben nie gegeneinander gespielt. Hier zählt deshalb gruppenübergreifend diese Reihenfolge: Punkte, Tordifferenz aus allen Spielen, erzielte Tore, Fairplay-Wertung und zuletzt die FIFA-Weltrangliste.

Was die Regel in der Praxis schon bewirkt hat

Die Theorie ist das eine, die Wucht der Regel das andere – und sie hat im laufenden Turnier bereits zugeschlagen. Weil der direkte Vergleich nun zuerst zählt, sind Mannschaften früher ausgeschieden, als es die alte Tordifferenz-Regel zugelassen hätte. Ein Team, das seine ersten beiden Spiele verloren hat, kann schon nach dem zweiten Spieltag rechnerisch raus sein – selbst ein Kantersieg im letzten Spiel hilft dann nicht mehr, weil die Konkurrenten über den direkten Vergleich uneinholbar vorne liegen. Bei der Winter-WM 2022 in Katar wäre in derselben Konstellation oft noch alles offen gewesen.

Eine Regel, die das Turnier ehrlicher macht

Aus meiner Sicht ist die Umstellung ein Gewinn für den Wettbewerb. Sie beseitigt eine alte Ungerechtigkeit: Bislang konnte ein Team von einem hohen Sieg gegen einen schwachen Außenseiter stärker profitieren als von einem echten Erfolg gegen einen direkten Konkurrenten. Künftig zählt das, was sportlich am meisten wiegt – das direkte Duell. Das nimmt der Schlussphase der Gruppen ein Stück Rechnerei und ersetzt sie durch eine klare Botschaft: Schlag den, gegen den du dich behaupten musst, dann stehst du auch vor ihm.

Der einzige Wermutstropfen ist die frühere Entscheidung mancher Gruppen, die ein, zwei Spiele an Spannung kosten kann, wenn ein Team rechnerisch schon vor dem letzten Spieltag draußen ist. Unterm Strich überwiegt aber klar der Gewinn an Fairness – und die Tatsache, dass am letzten Spieltag jeder genau weiß, was ein Sieg gegen den direkten Rivalen wert ist.