Jan Rademeister
| veröffentlicht am: 29.06.26
geprüft von Thoralf Müller | 6 Min. Lesezeit

Wimbledon 2026, Tag 1: Sinner zittert, erste Überraschungen und ein bitterer Verletzungs-Schock

Wimbledon

Der erste Tag von Wimbledon 2026 hatte alles, was den Auftakt eines Grand-Slam-Turniers ausmacht: souveräne Favoritensiege, einen Schreckmoment für den Topgesetzten, eine handfeste Überraschung im Damen-Tableau und gleich mehrere Verletzungsgeschichten, die schon vor dem ersten Ballwechsel für Schlagzeilen sorgten. Am Montag, dem 29. Juni 2026, rollte auf dem heiligen Rasen des All England Lawn Tennis Club in London die erste Runde an – bei nahezu perfektem Tenniswetter mit klarem Himmel und rund 22 Grad. Dieser Bericht fasst die wichtigsten Ergebnisse, Storylines und Einordnungen des Eröffnungstages zusammen.

Sinner übersteht den ersten Test

Die zentrale Frage des Tages lautete: Wie kehrt Titelverteidiger Jannik Sinner nach seinem schockierenden Zweitrunden-Aus bei den French Open zurück? Die Antwort fiel beruhigend, aber nicht makellos aus. Der Weltranglistenerste eröffnete traditionsgemäß das Programm auf dem Centre Court und überstand dabei einen Schreckmoment, ehe er seine Auftaktpartie gewann. Für den Italiener, der ohne jegliches Rasen-Vorbereitungsturnier nach London gereist war, ist das ein wichtiger Schritt: Erste Runden gegen unbequeme Gegner sind oft tückischer als die nackte Papierform vermuten lässt – gerade nach einer kräftezehrenden Sandplatzsaison und mit dem Rost fehlender Matchpraxis auf Gras.

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Sinner geht als klarer Topfavorit ins Turnier, zumal sein größter Rivale fehlt: Zweimal-Champion Carlos Alcaraz hat Wimbledon 2026 wegen einer Handgelenksverletzung abgesagt. Damit ist der Weg für den Titelverteidiger auf dem Papier ein Stück weit geebnet – auch wenn der Auftritt zum Auftakt zeigte, dass von Selbstläufer keine Rede sein kann.

Sabalenka, Medvedev und Auger-Aliassime liefern souverän ab

Während Sinner zittern musste, erledigten andere Topgesetzte ihre Aufgaben ohne Mühe. Bei den Damen unterstrich Weltranglistenerste Aryna Sabalenka ihre Favoritenrolle mit einem klaren 6:2, 6:3 gegen die Außenseiterin Teodora Kostovic. Die Belarussin, die nach ihrem überraschenden Aus bei den French Open auf Wiedergutmachung sinnt, ließ von Beginn an keine Zweifel aufkommen und präsentierte sich in guter Frühform.

Noch eindrucksvoller fiel der Auftritt von Daniil Medvedev aus. Der an Position acht gesetzte Russe fegte den erfahrenen Marin Cilic mit 6:1, 6:2, 6:4 vom Platz – eine Machtdemonstration gegen einen ehemaligen Grand-Slam-Finalisten, die zeigt, dass mit dem zweimaligen Wimbledon-Halbfinalisten auch in diesem Jahr zu rechnen ist. Ähnlich souverän agierte der an drei gesetzte Felix Auger-Aliassime, der Aleksandr Shevchenko mit 6:3, 6:1, 6:4 keine Chance ließ. Der Kanadier, einer der formstärkeren Spieler der oberen Tableau-Hälfte, schickte damit ein erstes Ausrufezeichen an die Konkurrenz.

Auch im Damen-Feld machten die Favoritinnen ihre Sache größtenteils souverän. Die ehemalige Wimbledon-Siegerin Barbora Krejcikova setzte sich gegen die britische Wildcard Hannah Klugman mit 6:1, 6:4 durch und ließ der jungen Lokalmatadorin kaum Spielraum. Noch deutlicher fiel der Auftritt der US-Amerikanerin McCartney Kessler aus: Beim 6:0, 6:0 gegen Oleksandra Oliynykova gab sie kein einziges Spiel ab – eine der dominantesten Vorstellungen des Tages.

Die Überraschung des Tages: Fernandez früh raus

Jeder Grand-Slam-Auftakt hat seine Stolpersteine – und Tag 1 von Wimbledon 2026 lieferte prompt eine handfeste Überraschung. Leylah Fernandez, die ehemalige US-Open-Finalistin aus Kanada, scheiterte bereits in der ersten Runde an der Außenseiterin Janice Tjen. Mit 1:6, 6:7 musste sich Fernandez geschlagen geben und verpasste den Start ins Turnier deutlich. Für die Kanadierin, die auf Rasen ohnehin nicht zu ihren Lieblingsbelägen zählt, ist es ein enttäuschender Auftakt; für Tjen dagegen der vielleicht größte Erfolg ihrer bisherigen Laufbahn.

Das Ergebnis fügt sich in ein Muster, das Wimbledon immer wieder prägt: Der schnelle, niedrig abspringende Rasen ist ein großer Gleichmacher. Weil die meisten Spielerinnen und Spieler nur wenige Wochen im Jahr auf diesem Belag bestreiten, sind Frühform und Anpassungsfähigkeit oft wichtiger als die Weltranglistenposition. Zur Erinnerung: Im Vorjahr fielen in der Herren-Konkurrenz rekordverdächtige 13 von 32 gesetzten Spielern bereits in der ersten Runde – ein Beleg dafür, wie unberechenbar die Auftaktphase in London sein kann.

Verletzungs-Schock schon vor dem ersten Ballwechsel

Die vielleicht bittersten Geschichten des Tages spielten sich abseits des Platzes ab. Bereits am Vorabend des Turniers musste die britische Hoffnungsträgerin Emma Raducanu ihre Teilnahme absagen. Nach ihrem starken Lauf bis ins Finale von Queen’s hatte die 23-Jährige nur wenig Trainingszeit und ein dick bandagiertes rechtes Sprunggelenk – ein finaler Scan brachte schließlich die niederschmetternde Diagnose: Ermüdungsbruch. Raducanu bestätigte den Rückzug schweren Herzens und auf ärztlichen Rat. Für den britischen Tennissport ist der Ausfall der populärsten heimischen Spielerin ein herber Verlust, gerade beim Heimturnier.

Auch im Herren-Tableau riss eine Verletzung eine prominente Lücke: Jack Draper, im Vorjahr noch in den Top 4 der Welt, ist nicht am Start. Der Brite, der wegen einer Rückenverletzung lange außer Gefecht war und erst am Anfang seines Comebacks steht, hätte eigentlich im Erstrunden-Kracher auf den an sechs gesetzten US-Amerikaner Taylor Fritz getroffen – eines der meistbeachteten Auftaktduelle. Sein Fehlen verändert nicht nur eine einzelne Partie, sondern die Dynamik eines ganzen Tableau-Abschnitts.

Die beiden Ausfälle reihen sich ein in eine an Verletzungen ohnehin reiche Phase des Tenniskalenders und zeigen, wie schmal der Grat zwischen Topform und Zwangspause im modernen Spiel ist – ein Aspekt, der gerade auf der belastungsintensiven Rasensaison immer wieder zum Tragen kommt.

Schwarzer Tag für die britischen Hoffnungen

Für die Gastgeber verlief der Auftakt überwiegend ernüchternd. Neben dem schmerzhaften Raducanu-Rückzug setzte es für zahlreiche britische Profis Erstrunden-Niederlagen. Harriet Dart lieferte der ehemaligen French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko zwar einen großen Kampf, unterlag aber knapp mit 6:3, 3:6, 6:4. Dart hatte im Entscheidungssatz zweimal ein Break Vorsprung und bei 4:4 einen Breakball, konnte die Partie aber nicht über die Ziellinie bringen – Ostapenko nutzte mit ihrem 46. Winner des Matches eiskalt ihre Chance.

Ähnlich erging es weiteren britischen Hoffnungen. Die junge Mika Stojsavljevic unterlag der an elf gesetzten ehemaligen Olympiasiegerin Belinda Bencic glatt mit 2:6, 1:6. Felix Gill wehrte sich beim 3:6, 3:6, 5:7 gegen den an 23 gesetzten Spanier Rafael Jodar, fand aber kein Mittel. Auch Alicia Dudeney (3:6, 3:6 gegen Alycia Parks) und Qualifikant Max Basing, dessen Traumlauf durch die Qualifikation beim 3:6, 0:6, 0:6 gegen Shintaro Mochizuki endete, mussten die Segel streichen. Damit ruhen die heimischen Hoffnungen früh auf wenigen verbliebenen Schultern.

Diese Partien liefen zu Redaktionsschluss noch

Zum Zeitpunkt dieses Berichts war der erste Tag noch nicht abgeschlossen – einige der größten Namen standen noch auf dem Platz oder warteten auf ihren Einsatz. Allen voran Rekord-Grand-Slam-Sieger Novak Djoković: Der an sieben gesetzte Serbe, der seinen 25. Major-Titel jagt, eröffnete seine Partie gegen den Chinesen Wu Yibing erst am späten Nachmittag auf dem Centre Court. Angesichts seiner Wimbledon-Historie gilt er als haushoher Favorit, ein Auftaktsieg wäre keine Überraschung.

Spannend war auch die Lage im Damen-Feld: Die an fünf gesetzte French-Open-Siegerin Mirra Andreeva steckte gegen die erfahrene Polin Magda Linette in einem umkämpften Match, ebenso Daria Kasatkina gegen die britische Teenagerin Mimi Xu. Im Herren-Tableau lieferte sich der Spanier Alejandro Davidovich Fokina ein zähes Duell mit Juan Manuel Cerúndolo, in dem er nach Sätzen mit 2:0 in Führung lag und vor dem Einzug in die nächste Runde stand. Auch Topspielerinnen wie Karolina Muchova und – etwas später angesetzt – die US-Amerikanerin Coco Gauff sowie die an 14 gesetzte Naomi Osaka standen noch vor beziehungsweise mitten in ihren Auftaktaufgaben. Die finalen Ergebnisse dieser Partien lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Einordnung: ein typischer, nervöser Auftakttag

Der erste Tag von Wimbledon 2026 fügt sich in das Bild, das die Eröffnungstage großer Rasenturniere oft abgeben: Die ganz großen Favoriten setzten sich durch, doch der Belag und die frühe Turnierphase sorgten für Nervosität, einen Schreckmoment beim Topfavoriten und mindestens eine echte Überraschung. Sinners zäher, aber erfolgreicher Start war das beruhigende Signal für alle, die auf eine erfolgreiche Titelverteidigung setzen – die kleine Wackelpartie aber auch eine Erinnerung daran, dass auf Rasen niemand unverwundbar ist.

Aus deutschsprachiger Sicht richtet sich der Blick bereits auf die kommenden Tage: Mit Alexander Zverev als an zwei gesetztem French-Open-Champion und weiteren Akteuren stehen die spannendsten Auftritte teils noch bevor, da sich die Erstrunden-Partien traditionell über zwei Tage verteilen. Der zweite Erstrunden-Tag verspricht weitere Kracher und die Chance auf neue Überraschungen.

Unterm Strich war Tag 1 ein Auftakt nach Maß für die Drehbuchautoren des Turniers: ein zitternder Titelverteidiger, dominante Mitfavoriten, ein bitterer Verletzungs-Schock rund um die Gastgeber und eine Außenseiterin, die für das erste Ausrufezeichen sorgte. Wimbledon 2026 ist eröffnet – und die zwei Wochen auf dem berühmtesten Rasen der Welt versprechen schon nach dem ersten Tag jede Menge Drama.


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