Es ist vollbracht. Die Nachricht sickerte durch die Gazetten wie eine unvermeidbare Naturgewalt: Manuel Neuer hat seinen Vertrag beim FC Bayern München um ein weiteres Jahr verlängert. Was für die einen die Bestätigung einer ewigen Ära ist, wirkt für den kritischen Beobachter wie die nächste Episode einer endlosen Schleife aus Realitätsverweigerung und Personenkult.
Doch damit nicht genug: Kaum ist die Tinte trocken, beginnt sie wieder, diese unerträgliche, fast schon religiöse Debatte darüber, ob der “beste Torwart der Welt” nicht doch wieder das Tor der Nationalmannschaft hüten müsse – pünktlich zur Weltmeisterschaft.
Man kann sich wirklich fragen, woher diese kollektive, fast schon wahnhafte Besessenheit von Manuel Neuer kommt, die die gesamten deutschen Sportmedien fest im Griff hat.
Es ist an der Zeit, das Offensichtliche auszusprechen: Manuel Neuer gehört nicht mehr in die Nationalmannschaft. Punkt.
Die “Weltklasse”-Lüge und das selektive Sehen
Kaum ein Spiel, bei dem nicht irgendeine durchschnittliche Parade von den Kommentatoren frenetisch als “Weltklasse” tituliert wird. Ein Ball, der zentral auf den Körper kommt? Weltklasse-Stellungsspiel! Ein Schuss, den jeder solide Zweitliga-Keeper zur Seite lenkt? Die unnachahmliche Neuer-Präsenz!
Ohnehin scheint bei Neuer alles, was er tut, per Definition “Weltklasse” zu sein, einfach weil er Manuel Neuer ist.
Dabei ist er genau das schon lange nicht mehr – und zwar seit vielen Jahren. Wenn wir ehrlich sind und die Nostalgie-Brille absetzen, müssen wir feststellen: Es gibt wohl kaum einen Torhüter bei einem europäischen Top-Club, der sich in den vergangenen Jahren so dermaßen viele haarsträubende und oft spielentscheidende Böcke erlaubt hat wie Neuer.
Man denke an die Aussetzer in der Champions League oder die Unsicherheiten in der Liga, die früher undenkbar gewesen wären. Doch während jeder andere Torwart nach solchen Fehlern öffentlich demontiert würde, hüllt sich der deutsche Blätterwald bei Neuer in vornehmliches Schweigen oder sucht die Schuld bei der Abwehrkette: “Dieses Gegentor konnte selbst ein Manuel Neuer nicht verhindern”.
Ein Ego ohne Selbstreflexion
Ein besonders irritierender Aspekt an der Personalie Neuer ist seine vollkommene Unfähigkeit zur Selbstkritik. Er hat in seiner gesamten Karriere, die zweifellos glorreich war, gefühlt noch nie einen Fehler wirklich zugegeben. Sei er auch noch so offensichtlich, sei der Patzer auch noch so spielentscheidend gewesen – Neuer steht danach im Interview und spricht mit einer stoischen Arroganz über “unglückliche Umstände”.
Diese fehlende Demut gegenüber der eigenen Fehlerhaftigkeit ist vielleicht das, was ihn einst groß gemacht hat, aber heute wirkt es nur noch wie die Entrückung eines Mannes, der den Kontakt zur sportlichen Realität verloren hat.
Dass er nun beim FC Bayern verlängert hat, ist sein gutes Recht und für den Verein vielleicht ein Zeichen von Stabilität. Dass dies aber sofort wieder als Sprungbrett für die Nationalelf instrumentalisiert wird, ist das eigentliche Problem.
Höwedes und die Realitätsferne der “Ewiggestrigen”
Wenn nun Benedikt Höwedes – ein enger Freund und ehemaliger Mitspieler – öffentlich behauptet, Neuer sei aktuell immer noch “der mit Abstand beste Torhüter der Welt”, dann ist das kein fachliches Urteil, sondern reine Kumpelei auf Kosten der Wahrheit.
Eigentlich sollte man solche Aussagen nicht zum Anlass nehmen, darüber zu diskutieren, ob Neuer nun doch mit zur WM sollte. Vielmehr müsste man darüber diskutieren, ob Höwedes wirklich zum TV-Experten taugt, wenn er die aktuelle Leistungskurve Neuers mit der Weltspitze vergleicht.
Diese Aussagen sind nicht nur faktisch falsch, sie sind auch eine schallende Ohrfeige für jeden anderen Torhüter in Deutschland. Es ist unglaublich respektlos gegenüber Spielern wie Oliver Baumann, die Woche für Woche Topleistungen bringen, ohne diesen absurd großen Bonus der Vergangenheit im Rücken zu haben.
Baumann und andere müssen sich vorkommen wie Statisten in einem Film, in dem die Hauptrolle bereits vor Jahren auf Lebenszeit vergeben wurde, völlig ungeachtet der aktuellen Performance.
Zeit für den radikalen Schnitt
Die Nationalmannschaft braucht keinen Torhüter, der von seinem Ruf lebt, während die Reaktionszeiten sinken und die Fehlerquote steigt. Die WM-Spekulationen sind ein Rückschritt in eine Ära der Vetternwirtschaft und des Namens-Kultes. Wir müssen aufhören, Manuel Neuer als das unantastbare Heiligtum des deutschen Fußballs zu betrachten.
Er war ein Revolutionär des Torwartspiels, ja. Er war der Beste der Welt, zweifellos. Aber das Wort “war” ist hier entscheidend. Die Fixierung auf Neuer verhindert den notwendigen Umbruch und schadet der Glaubwürdigkeit des Leistungsprinzips.
Es ist Zeit, das Kapitel Neuer im DFB-Dress endgültig zu schließen – egal, wie viele Verträge er in München noch unterschreibt. Alles andere ist kein Sportjournalismus mehr, sondern Personenkult in seiner reinsten, verblendeten Form.

