Trainerwechsel sind der unterschätzteste Faktor jeder Saisonprognose. Sie können eine festgefahrene Mannschaft befreien – oder eine funktionierende Struktur zerlegen. Vor der Saison 2026/27 haben gleich drei Spitzenklubs die Seitenlinie neu besetzt, und in mindestens einem Fall wirkt die Entscheidung schwer nachvollziehbar.
Letzte Aktualisierung: 22. Juli 2026
Die Wechsel im Überblick
| Klub | Neuer Trainer | Vorgänger | Vertrag bis |
|---|---|---|---|
| Bayer Leverkusen | Carles Martínez Novell | Kasper Hjulmand | 2028 |
| RB Leipzig | Martín Demichelis | Ole Werner | 2028 |
| Eintracht Frankfurt | Adi Hütter | Albert Riera | – |
Leverkusen: Der dritte Trainer in elf Monaten
Bei Bayer ist die Seitenlinie zum Drehkreuz geworden. Nach dem Abgang von Xabi Alonso kam Erik ten Hag – und musste nach nur drei Pflichtspielen wieder gehen. Kasper Hjulmand übernahm nach dem zweiten Spieltag, stabilisierte mit einer starken Hinrunde und holte über 48 Spiele einen Schnitt von 1,75 Punkten. Trotzdem war nach einer enttäuschenden Rückrunde und Platz sechs Schluss.
Der Nachfolger ist eine Überraschung: Carles Martínez Novell, 42, zuletzt beim FC Toulouse in der Ligue 1. In Deutschland war er praktisch unbekannt, sein Profil aber interessant – gelernt hat er sein Handwerk in der Barcelona-Nachwuchsakademie La Masia, wo er unter anderem Gavi, Xavi Simons und Ansu Fati betreute. Mit Toulouse führte er einen Aufsteiger in drei Jahren stets ins gesicherte Mittelfeld und zuletzt erstmals auf einen einstelligen Platz.
Bemerkenswert ist der Weg dorthin: Andoni Iraola galt als Favorit, entschied sich aber anders. Filipe Luís sagte Monaco zu, auch Oliver Glasner wurde gehandelt. Martínez war nicht die erste Wahl – was den Druck erhöht.
Unsere Einschätzung: Das Profil passt besser zum Klub, als der geringe Bekanntheitsgrad vermuten lässt. Ein Entwickler mit Barcelona-Prägung ist genau das, was eine Mannschaft nach einem XXL-Umbruch braucht. Riskant bleibt die Ungeduld im Umfeld – bei einem Fehlstart wäre Martínez der vierte Wechsel binnen 14 Monaten.
Leipzig: Der Wechsel, der niemand erklären kann
Der auffälligste Fall der Liga. Ole Werner wurde am 17. Juni entlassen – nach einer Saison, in der er Leipzig auf Rang drei und zurück in die Champions League führte.
Die Zahlen machen die Entscheidung noch merkwürdiger: Mit 1,95 Punkten pro Spiel erreichte Werner den besten Schnitt der gesamten RB-Bundesligahistorie – besser als Ralf Rangnick (1,94) und Julian Nagelsmann (1,94). Und das nach einem Umbruch mit den Abgängen von Xavi Simons, Loïs Openda und Benjamin Šeško.
Die offizielle Begründung von Sport-Geschäftsführer Marcel Schäfer: Man sei zu der Überzeugung gelangt, dass eine inhaltliche Weiterentwicklung und eine veränderte Herangehensweise erforderlich seien.
Nachfolger ist Martín Demichelis, 45, Argentinier, zuvor bei RCD Mallorca. Als Spieler absolvierte er zwischen 2003 und 2011 259 Pflichtspiele für Bayern, als Trainer begann er bei River Plate. Bundesliga-Erfahrung als Cheftrainer hat er nicht.
Unsere Einschätzung: Das ist der riskanteste Wechsel der Liga. Wer einen Trainer mit Rekordschnitt entlässt, muss eine sehr klare Vorstellung davon haben, was besser werden soll. Für Leipzig kommt erschwerend hinzu, dass parallel die Rückkehr in die Dreifachbelastung ansteht.
Frankfurt: Die Rückkehr als Reparatur
Bei der Eintracht war der Wechsel überfällig. Die Vorsaison endete mit Platz acht, verpasstem Europapokal und zwei Trainerwechseln – Dino Toppmöller und Albert Riera verschlissen sich binnen einer Spielzeit.
Mit Adi Hütter kehrt ein Trainer zurück, der den Klub von 2018 bis 2021 führte und dabei unter anderem das Europa-League-Halbfinale erreichte. Er hat das Ende des Sommerurlaubs nach seinem Amtsantritt kurzerhand um eine Woche vorgezogen – ein Signal, wie er die Ausgangslage bewertet.
Unsere Einschätzung: Der naheliegendste und sicherste der drei Wechsel. Hütter kennt Klub, Umfeld und Erwartungshaltung. Das Risiko liegt weniger im Trainer als in der Frage, ob der Kader für mehr als das Mittelfeld reicht.
Was Trainerwechsel für Wetten bedeuten
Vier Punkte, die man kennen sollte:
- Neue Trainer erhöhen die Volatilität der ersten Wochen. Spielsysteme brauchen Zeit. Wetten auf frühe Spieltage sind bei Klubs mit Wechsel schwerer kalkulierbar – in beide Richtungen.
- Der Markt „Erster Trainerwechsel” öffnet spät. Die meisten Buchmacher bieten vor Saisonbeginn keine Kurse an; der Markt taucht oft erst um den ersten Spieltag auf. Wer früh dabei ist, bekommt die besseren Quoten.
- Vorgeschichte schlägt Leistung. Klubs, die schon mehrfach schnell reagiert haben, tun es wieder. Leverkusen mit drei Wechseln in elf Monaten ist statistisch der wahrscheinlichste Kandidat für den nächsten – unabhängig davon, wie gut Martínez arbeitet.
- Aufsteiger-Trainer sind gefährdeter als sie wirken. Miron Muslic hat Schalke zur Meisterschaft geführt, doch die Erwartungen in Gelsenkirchen sind nach dem Aufstieg riesig. Bei einem Fehlstart wird es dort schnell laut.
Unsere Einschätzung zur Saison
Wenn ein Trainerwechsel in dieser Saison schiefgeht, dann in Leipzig. Nicht weil Demichelis ein schlechter Trainer wäre – dafür gibt es keine Anhaltspunkte –, sondern weil die Ausgangslage keine Verbesserung zulässt. Werner hat Rang drei geholt. Alles darunter wird als Rückschritt gelesen.
Bei Leverkusen tippen wir auf das Gegenteil: Martínez ist der unterschätzteste der drei Neuen. Ein Entwickler, der bei Toulouse Konstanz herstellte, passt zu einem Kader, der nach dem Umbruch vor allem Struktur braucht.
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